Cholic Acid

Evidenzniveau: L4 Vorhergesagte Indikationen: 10

Inhaltsverzeichnis

  1. Cholic Acid
    1. Pharmazeutischer Bewertungsbericht
    2. Cholsäure: Von angeborenen Gallensäuresynthesestörungen zu HIV-Infektion
    3. Zusammenfassung in einem Satz
    4. Schnellübersicht
    5. Warum ist diese Vorhersage plausibel?
    6. Klinische Studien
    7. Literaturevidenz
    8. Marktinformationen Deutschland
    9. Sicherheitsaspekte
    10. Fazit und nächste Schritte
    11. Haftungsausschluss

Pharmazeutischer Bewertungsbericht

Cholsäure: Von angeborenen Gallensäuresynthesestörungen zu HIV-Infektion

Zusammenfassung in einem Satz

Cholsäure wurde ursprünglich zur Behandlung von Erkrankungen des Verdauungssystems und angeborenen Stoffwechselstörungen (insbesondere Gallensäuresynthesestörungen) eingesetzt. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass sie bei HIV-Infektion wirksam sein könnte, jedoch liegen dafür keine klinischen Studien und nur 5 Publikationen vor, die überwiegend präklinischer oder übersichtsartiger Natur sind, darunter ein Hinweis auf ein möglicherweise ungünstiges Signal.


Schnellübersicht

Punkt Inhalt
Ursprüngliche Indikation Erkrankungen des Verdauungssystems; angeborene Stoffwechselstörungen
Vorhergesagte neue Indikation HIV-Infektion
TxGNN-Vorhersagewert 0,9979
Evidenzstufe L4
Marktstatus in Deutschland Im Handel (gültige Zulassungen: 1 von 1)
Anzahl der Zulassungen 1 (gültig: 1)
Empfohlene Entscheidung Hold

Warum ist diese Vorhersage plausibel?

Zur Wirkungsweise liegen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten derzeit keine detaillierten Angaben vor. Bekannt ist: Cholsäure ist eine körpereigene Gallensäure und wirkt als Ligand an den Rezeptoren GPBA (GPBAR1/TGR5) und Farnesoid-X-Rezeptor (FXR). Ihre Wirksamkeit bei Gallensäuresynthesestörungen ist belegt (Zulassung durch EMA und FDA für seltene Gallensäuresynthesestörungen bei Kindern und Erwachsenen).

Ein plausibler Zusammenhang mit HIV ist nur schwach. Frühe In-vitro-Arbeiten aus den 1990er-Jahren beschrieben spermizide und antivirale Eigenschaften von Natriumcholat (Hemmung der HIV-1-Reverse-Transkriptase) im Rahmen eines Vaginalschwamms. Dagegen berichtete eine Studie von 2006, dass aminofunktionalisierte Cholsäurederivate die HIV-1-Replikation und Syncytienbildung in T-Zellen verstärkten. Der hohe TxGNN-Wert wird daher durch klinische Evidenz nicht gestützt, und die Wirkrichtung ist unklar.


Klinische Studien

Derzeit sind keine zugehörigen klinischen Studien registriert.


Literaturevidenz

PMID Jahr Typ Journal Kernaussagen
7688380 1993 Präklinisch/frühe Klinik Human Reproduction Natriumcholat zeigt spermizide und anti-HIV-1-Aktivität in vitro; Vaginalschwamm (Protectaid) als Verhütungsmittel
16610808 2006 In vitro (Derivate) J Med Chem Aminofunktionalisierte Cholsäurederivate verstärken HIV-1-Replikation und Syncytienbildung (gegenläufiges Signal)
20030469 2010 Beobachtungsstudie Pharmacotherapy Plasma-Gallensäurespiegel bei HIV-Patienten unter Proteaseinhibitoren; Bezug zur Hepatotoxizität, kein Therapieeffekt
8849197 1995 Übersichtsarbeit Ann Acad Med Singapore Barrieremethoden zur Empfängnisverhütung und zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten
7848210 1994 Übersichtsarbeit Aust N Z J Obstet Gynaecol Zukünftige Verhütungsmittel im Licht der HIV-Infektion

Marktinformationen Deutschland

Zulassungsnummer Produktname Darreichungsform Zugelassene Indikation
EMEA/H/C/001250 Orphacol (Theravia) k. A. Erkrankungen des Verdauungssystems; angeborene Stoffwechselstörungen (Status: gültig)

Sicherheitsaspekte

  • Kontraindikationen laut Wissensgraph (nicht aus der Fachinformation): Lebererkrankung, Gallenblasenerkrankung, Durchfallerkrankung, Cholestase, benigne rezidivierende intrahepatische Cholestase, familiäre intrahepatische Cholestase, Appendizitis, sklerosierende Cholangitis, primär biliäre Cholangitis, Reynolds-Syndrom.
  • Arzneimittelwechselwirkungen: 10 Wechselwirkungen mittleren Schweregrads, u. a. mit Gallensäurebindern (Cholestyramin, Colesevelam, Colestipol), Aluminiumhydroxid, Sucralfat, Ciclosporin, Phenobarbital, Ribociclib, Sorafenib und Tipranavir. Hinzu kommen pharmakologische Zielstrukturen (GPBA-Rezeptor, Farnesoid-X-Rezeptor).

Weitere Sicherheitsinformationen entnehmen Sie bitte der Fachinformation.


Fazit und nächste Schritte

Entscheidung: Hold

Begründung: Für HIV-Infektion existieren keine klinischen Studien; die präklinischen Daten sind alt und widersprüchlich (antivirale Signale beim Natriumcholat, aber verstärkte Replikation bei Derivaten). Der hohe TxGNN-Wert ist durch Evidenz nicht gedeckt. Zudem ist das Arzneimittel in Deutschland im Handel; 1 von 1 Zulassung ist gültig.

Für ein Weiterkommen ist erforderlich:

  • Detaillierte Wirkmechanismus-Daten (MOA)
  • Beschaffung und Auswertung der Fachinformation (Warnhinweise/Kontraindikationen) über das BfArM
  • Aktuelle In-vitro-Daten zu nativer Cholsäure (nicht Derivaten) gegen HIV, einschließlich Klärung des widersprüchlichen Replikationssignals
  • Prüfung des Zulassungs- bzw. Vermarktungsstatus in Deutschland

Hinweis zu anderen Vorhersagen: Unter den weiteren TxGNN-Vorhersagen ist „Vitamin-Mangelerkrankung" mit Evidenzstufe L3 (Fallberichte, Fallserien, retrospektive Kohorten) am besten belegt. Der Nutzen ergibt sich dort jedoch sekundär aus der Behandlung der zugrunde liegenden Gallensäuresynthesestörung und stellt keine eigenständige neue Indikation dar. Es ist als Forschungsfrage zu betrachten.

Haftungsausschluss

Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.