Clofarabine
| Evidenzniveau: L1 | Vorhergesagte Indikationen: 8 |
Inhaltsverzeichnis
- Clofarabine
- Pharmazeutischer Bewertungsbericht
- Clofarabin: Myeloische Leukämie
- Zusammenfassung
- Schnellübersicht
- Warum ist diese Vorhersage plausibel?
- Evidenz aus klinischen Studien
- Literaturevidenz
- Marktinformationen Deutschland
- Zytotoxizität
- Sicherheitsaspekte
- Weitere vorhergesagte Indikationen (Kurzüberblick)
- Fazit und nächste Schritte
- Haftungsausschluss
Clofarabin: Myeloische Leukämie
Zusammenfassung
Clofarabin ist ein Purinnukleosid-Analogon, das ursprünglich zur Behandlung der Vorläuferzell-lymphoblastischen Leukämie/Lymphom (ALL) zugelassen wurde. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass es auch bei myeloischer Leukämie wirksam sein könnte. Die Datenlage umfasst 43 klinische Studien und 19 Publikationen, darunter eine abgeschlossene Phase-3-Studie (NCT02085408, n=727) und eine weitere abgeschlossene Phase-3-Studie (NCT00317642, n=326). Ergebnisdaten zu beiden Studien liegen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten nicht vor.
Schnellübersicht
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Ursprüngliche Indikation | Vorläuferzell-lymphoblastische Leukämie/Lymphom |
| Vorhergesagte neue Indikation | Myeloische Leukämie |
| TxGNN-Vorhersagewert | 0,9988 |
| Evidenzgrad | L1 |
| Marktstatus in Deutschland | Im Handel (gültige Zulassungen: 1 von 1) |
| Anzahl der Zulassungen | 1 (gültig: 1) |
| Empfohlene Entscheidung | Mit Schutzmaßnahmen fortfahren (Proceed with Guardrails) |
Warum ist diese Vorhersage plausibel?
Zum Wirkmechanismus liegen in den zusammengestellten Daten keine detaillierten Angaben aus der Arzneimitteldatenbank vor. Aus der Literatur ist jedoch bekannt: Clofarabin ist ein Purinnukleosid-Analogon der zweiten Generation. Es hemmt die Ribonukleotid-Reduktase und die DNA-Polymerase, vermindert dadurch die für die DNA-Replikation verfügbaren Desoxynukleosidtriphosphate und löst Apoptose über mitochondriale Signalwege aus.
Lymphoblastische und myeloische Leukämie sind beides Erkrankungen schnell proliferierender Blasten. Ein Wirkstoff, der die DNA-Synthese in teilungsaktiven Zellen hemmt, kann daher mechanistisch auf beide Formen übertragbar sein. Dies stützen eine abgeschlossene randomisierte Phase-3-Studie bei AML (NCT02085408) sowie zahlreiche Phase-2-Studien.
Wichtig: Das Ergebnis der Phase-3-Studie selbst liegt nicht vor. Die Überlegenheit gegenüber der Standardtherapie (Daunorubicin plus Cytarabin) lässt sich daher anhand dieser Daten nicht bestätigen. Zudem wurde Clofarabin bei AML bislang vor allem außerhalb der Zulassung (Off-Label) eingesetzt.
Evidenz aus klinischen Studien
Die folgende Auswahl zeigt die relevantesten Studien (Phase 3 und Phase 2 mit größeren Fallzahlen):
| Studiennummer | Phase | Status | Teilnehmerzahl | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| NCT02085408 | Phase 3 | Abgeschlossen | 727 | Clofarabin als Induktions- und Post-Remissionstherapie vs. Standard (Daunorubicin + Cytarabin), anschließend Decitabin-Erhaltung vs. Beobachtung bei älteren Patienten (≥60 Jahre) mit neu diagnostizierter AML |
| NCT00317642 | Phase 3 | Abgeschlossen | 326 | Doppelblinde Studie: Clofarabin + Cytarabin vs. Cytarabin allein bei Patienten ab 55 Jahren mit rezidivierter/refraktärer AML |
| NCT01295307 | Phase 2 | Abgeschlossen | 86 | Clofarabin als Salvage-Therapie bei rezidivierter oder refraktärer AML |
| NCT00469014 | Phase 2 | Abgeschlossen | 72 | Busulfan-Fludarabin-Clofarabin mit allogener Stammzelltransplantation bei fortgeschrittener refraktärer AML, MDS und CML |
| NCT01193400 | Phase 2 | Abgeschlossen (beendet) | 75 | Clofarabin plus niedrig dosiertes Cytarabin als Induktion und Konsolidierung bei AML ab 60 Jahren; vorzeitig beendet |
| NCT00067028 | Phase 2 | Abgeschlossen | 116 | Vergleich Clofarabin/Ara-C vs. Clofarabin/Idarubicin vs. Dreierkombination bei rezidivierter AML, Hochrisiko-MDS oder CML-Blastenphase |
| NCT01101880 | Phase 2 | Abgeschlossen | 50 | Clofarabin mit hochdosiertem Cytarabin und G-CSF-Priming bei neu diagnostizierter AML (<65 Jahre) |
| NCT00044889 | Phase 2 | Abgeschlossen | 40 | Einarmige Studie mit Clofarabin bei Erwachsenen mit refraktärer/rezidivierter AML |
| NCT01643668 | Phase 2 | Abgeschlossen | 34 | Busulfan/Clofarabin als dosisreduzierte Konditionierung vor allogener Stammzelltransplantation |
| NCT01629082 | Phase 1 | Abgeschlossen | 4 | Clofarabin gefolgt von Lenalidomid bei Hochrisiko-MDS und AML; sehr kleine Stichprobe |
Literaturevidenz
| PMID | Jahr | Typ | Fachzeitschrift | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| 22957815 | 2013 | Review | Leukemia & Lymphoma | Rolle von Clofarabin bei AML; Hemmung von Ribonukleotid-Reduktase und DNA-Polymerase, höhere Stabilität als Vorläufersubstanzen |
| 25457773 | 2015 | Review | Critical Reviews in Oncology/Hematology | Clofarabin bei erwachsenen AML-Patienten: Monotherapie und Kombinationsstrategien in Erst- und Zweitlinie |
| 22170975 | 2012 | Review | Annals of Pharmacotherapy | Wirksamkeit und Verträglichkeit bei älteren Patienten mit neu diagnostizierter AML |
| 19852733 | 2009 | Review | Future Oncology | Klinisch relevante Einzelwirkung, sicher kombinierbar; mögliche Rolle in Induktions-/Konsolidierungsschemata |
| 19463072 | 2009 | Review | Expert Opinion on Pharmacotherapy | Neue Behandlungsoption bei AML; Wirksamkeit auch bei ALL und MDS |
| 16316309 | 2005 | Review | Expert Opinion on Pharmacotherapy | Einzelsubstanzaktivität bei akuten Leukämien |
| 36336258 | 2023 | Klinische Studie | Transplantation and Cellular Therapy | Clofarabin plus Busulfan als myeloablative Konditionierung bei aktiven myeloischen Neoplasien |
| 21591997 | 2011 | Review | Expert Opinion on Investigational Drugs | Clofarabin bei myelodysplastischen Syndromen; mögliche Wirkung auf DNA-Methylierung in niedriger Dosis |
| 24081220 | 2014 | Fallbericht | J Oncol Pharm Pract | Clofarabin-induzierte Nierentoxizität bei einem Patienten mit refraktärer AML |
| 18780321 | 2008 | Review | Cancer | Suche nach Kombinationen für Hochrisiko-AML |
Marktinformationen Deutschland
| Zulassungsnummer | Produktname | Darreichungsform | Zugelassene Indikation |
|---|---|---|---|
| EMEA/H/C/000613 | Evoltra (Sanofi B.V.) | nicht angegeben | Vorläuferzell-lymphoblastische Leukämie/Lymphom |
Die einzige Zulassung ist gültig (1 von 1 gültigen Zulassungen); das Arzneimittel ist in Deutschland im Handel.
Zytotoxizität
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Zytotoxizitätsklassifikation | Konventionell zytotoxisch (Purinnukleosid-Antimetabolit) |
| Myelosuppressionsrisiko | Hoch (Neutropenie, Thrombozytopenie und Anämie gemäß Wissensgraph-Kontraindikationen relevant) |
| Emetogenität | Gering bis mittel |
| Überwachungsparameter | Blutbild mit Differenzialblutbild, Leber- und Nierenfunktion, Bilirubin, Elektrolyte, Blutdruck |
| Handhabungsschutz | Vorschriften für den Umgang mit zytotoxischen Arzneimitteln müssen eingehalten werden |
Die Einstufung von Myelosuppression und Emetogenität beruht auf der Wirkstoffklasse; für die Details bitte die Fachinformation heranziehen.
Sicherheitsaspekte
- Kontraindikationen/Risikokonstellationen aus dem Wissensgraphen (keine Angaben aus dem Beipackzettel): Lebererkrankungen, Gallenblasenerkrankungen, Thrombozytopenie, Neutropenie, Agranulozytose, Anämie (einschließlich makrozytärer Anämie), Hyperbilirubinämie (einschließlich Gilbert-Syndrom), Niereninsuffizienz, Urämie, Hypotonie, Kapillarlecksyndrom, Pilzinfektionen, Dermatophytose und Infektionskrankheiten allgemein.
- Arzneimittelwechselwirkungen: 100 Wechselwirkungen erfasst, die gezeigten Beispiele sind alle als moderat eingestuft: Amphotericin B (alle Formulierungen), Clarithromycin, Levofloxacin, Minocycline, Kanamycin, Neomycin, Clotrimazol, Mesalazin, Balsalazid, Olsalazin, Acarbose, Pioglitazon, Bupropion, Naltrexon, Nicotinamid, Nitisinon, Chenodesoxycholsäure.
- Organtoxizität aus der Literatur: Ein Fallbericht beschreibt eine Clofarabin-induzierte Nierentoxizität bei AML.
Warnhinweise und Gegenanzeigen aus der Fachinformation lagen nicht vor; bitte die Fachinformation heranziehen.
Weitere vorhergesagte Indikationen (Kurzüberblick)
| Rang | Indikation | Score | Evidenzgrad | Empfehlung |
|---|---|---|---|---|
| 3 | Ganglioneuroblastom | 0,9953 | L5 | Zurückstellen |
| 4 | Neuroblastom | 0,9952 | L4 | Zurückstellen |
| 5 | Wirbelanomalien mit endokriner und T-Zell-Dysfunktion | 0,9946 | L5 | Zurückstellen |
| 6 | Retroperitoneales Neoplasma | 0,9944 | L5 | Zurückstellen |
| 7 | Blastenphase der CML, BCR-ABL1-positiv | 0,9943 | L5 | Forschungsfrage |
| 9–10 | CLL/SLL-Subtypen | 0,9926 | L5 | Zurückstellen |
Fazit und nächste Schritte
Entscheidung: Mit Schutzmaßnahmen fortfahren (Proceed with Guardrails)
Begründung: Für die myeloische Leukämie liegen zwei abgeschlossene Phase-3-Studien sowie zahlreiche Phase-2-Studien vor, und der Wirkmechanismus ist plausibel übertragbar. Die Ergebnisse der Phase-3-Studien liegen in den vorliegenden Daten jedoch nicht vor. Hinzu kommt, dass das Sicherheitsprofil (Myelosuppression, Nieren- und Leberrisiken) erheblich ist.
Für das weitere Vorgehen sind erforderlich:
- Auswertung der Ergebnisse von NCT02085408 und NCT00317642 (Gesamtüberleben, Remissionsrate, Toxizität im Vergleich zur Standardtherapie)
- Beschaffung und Auswertung der Fachinformation (Warnhinweise, Gegenanzeigen) – derzeit eine blockierende Datenlücke für die Sicherheitsbewertung
- Ergänzung der Wirkmechanismus-Daten aus der Arzneimitteldatenbank
- Klärung des Zulassungs- und Versorgungsstatus in Deutschland
- Überwachungsplan für Blutbild, Leber- und Nierenfunktion sowie Prüfung relevanter Wechselwirkungen (z. B. nephro- oder hepatotoxische Begleitmedikation)
Haftungsausschluss
Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.