Grazoprevir

Evidenzniveau: L1 Vorhergesagte Indikationen: 10

Inhaltsverzeichnis

  1. Grazoprevir
    1. Pharmazeutischer Bewertungsbericht
    2. Grazoprevir: Von chronischer Hepatitis C zu HIV-Infektion
    3. Zusammenfassung
    4. Schnellübersicht
    5. Warum ist diese Vorhersage plausibel?
    6. Klinische Evidenz
    7. Literaturevidenz
    8. Marktinformationen Deutschland
    9. Sicherheitshinweise
    10. Fazit und nächste Schritte
    11. Haftungsausschluss

Pharmazeutischer Bewertungsbericht

Grazoprevir: Von chronischer Hepatitis C zu HIV-Infektion

Zusammenfassung

Grazoprevir ist ein NS3/4A-Proteasehemmer, der ursprünglich zur Behandlung der chronischen Hepatitis C eingesetzt wurde (in der Fixkombination mit Elbasvir, Zepatier). Das TxGNN-Modell sagt eine mögliche Wirksamkeit bei einer HIV-Infektion voraus. Die Datenlage umfasst 10 klinische Studien und 20 Publikationen. Diese belegen jedoch fast ausschließlich die Behandlung der Hepatitis C bei HIV/HCV-Koinfizierten, nicht eine Wirkung gegen HIV selbst.


Schnellübersicht

Punkt Inhalt
Ursprüngliche Indikation Chronische Hepatitis C
Vorhergesagte neue Indikation HIV-Infektion
TxGNN-Vorhersagewert 0,9973
Evidenzstufe L1 (formal; die Studien betreffen jedoch HCV, nicht HIV)
Marktstatus in Deutschland Im Handel (gültige Zulassungen: 1 von 1)
Anzahl der Zulassungen 1 (gültig: 1)
Empfohlene Entscheidung Proceed with Guardrails

Warum ist diese Vorhersage plausibel?

Zum Wirkmechanismus liegen in den zusammengestellten Daten keine detaillierten Angaben vor. Bekannt ist: Grazoprevir hemmt die NS3/4A-Protease des Hepatitis-C-Virus und ist Teil der Kombination mit dem NS5A-Hemmer Elbasvir. Bei Hepatitis C ist die Wirksamkeit gut belegt.

Ein direkter Wirkmechanismus gegen HIV ist nicht bekannt. HIV besitzt eine Aspartylprotease, die sich von der HCV-Serinprotease unterscheidet. Der hohe Wert stammt vom TxGNN-Modell (Deep Learning) und spiegelt vermutlich Ähnlichkeiten wider, die das Modell zwischen verwandten Erkrankungen gelernt hat, nicht biologische Evidenz. Die vorliegende Evidenz bestätigt vor allem die ursprüngliche HCV-Indikation in der Population mit HIV-Koinfektion. Es handelt sich daher nicht um ein echtes Repurposing für HIV, sondern um eine Bestätigung der bestehenden Indikation in einer Koinfektionspopulation.


Klinische Evidenz

Studiennummer Phase Status Teilnehmer Kernaussagen
NCT02105662 Phase 3 Abgeschlossen 218 Grazoprevir + Elbasvir bei therapienaiven HCV-Patienten mit HIV-Koinfektion (Ziel: SVR12)
NCT02252016 Phase 3 Abgeschlossen 159 Placebokontrollierte Studie bei HCV mit erblichen Blutkrankheiten, mit und ohne HIV-Koinfektion
NCT02600325 Phase 3 Abgeschlossen 80 Akute HCV-Infektion (Genotyp 1/4) bei HIV-Infizierten (DAHHS-2)
NCT02897596 Phase 3 Unbekannt 62 8 oder 12 Wochen Therapie bei früher chronischer HCV mit HIV-Koinfektion
NCT02785666 Phase 3 Abgeschlossen 150 „Treat, Counsel and Cure"-Strategie bei HIV-positiven MSM mit HCV (Swiss HCVree)
NCT03098121 Phase 4 Abgeschlossen 40 Wirksamkeit und Verträglichkeit bei vorbehandelten Patienten mit HCV/HIV-Koinfektion
NCT03823911 Phase 4 Abgeschlossen 87 Kardiovaskuläre Risiken nach HCV-Eradikation bei HIV/HCV
NCT04048850 k. A. Abgeschlossen 25 Kohortenstudie bei HCV-Monoinfektion und HIV/HCV-Koinfektion mit Substanzgebrauch
NCT03407703 k. A. Unbekannt 50 Beobachtungsstudie zur Nierenfunktion nach HCV-Heilung, mit und ohne HIV
NCT02057003 k. A. Unbekannt 1000 Praxiskohorte (HEPAVIR) zu DAA-Therapien bei HIV/HCV-Koinfektion

Alle Studien sind auf die HCV-Behandlung ausgerichtet. Ein HIV-spezifisches Wirksamkeitssignal liegt nicht vor.


Literaturevidenz

PMID Jahr Typ Journal Kernaussagen
26423374 2015 Nicht randomisierte, offene Studie The Lancet HIV C-EDGE CO-INFECTION: Wirksamkeit und Sicherheit von Grazoprevir + Elbasvir bei HCV/HIV-Koinfektion
29344726 2018 RCT (integrierte Analyse) Journal of Gastroenterology Sicherheit und Wirksamkeit bei 1070 Teilnehmern mit HCV-Genotyp 1b
32246857 2020 Systematische Übersicht / Netzwerk-Metaanalyse J Gastroenterol Hepatol Wirksamkeit und Sicherheit von DAA-Regimen bei HCV/HIV-Koinfektion
28417245 2017 Review Drugs Elbasvir/Grazoprevir bei chronischer HCV Genotyp 1 und 4
30233138 2018 Review Drug Des Devel Ther Aktuelle Evidenz zu Sicherheit und Wirksamkeit von Elbasvir/Grazoprevir
27603877 2016 Review Expert Rev Clin Pharmacol Elbasvir und Grazoprevir bei HCV-Genotyp 1 und 4
28689442 2017 Review Expert Opin Drug Metab Toxicol Arzneimittelinteraktionen bei HIV-Infizierten unter HCV-Therapie
30541077 2019 Interaktionsstudie J Antimicrob Chemother Interaktionspotenzial mit den HIV-Integrasehemmern Raltegravir und Dolutegravir
32306039 2020 Kohorte J Antimicrob Chemother Sofortbehandlung kürzlich erworbener HCV-Infektion bei MSM mit Grazoprevir/Elbasvir
37731164 2023 Review Clin Pharmacokinet Pharmakokinetische Interaktionen der HCV-DAAs

Marktinformationen Deutschland

Zulassungsnummer Produktname Darreichungsform Zugelassene Indikation
EMEA/H/C/004126 Zepatier k. A. Chronische Hepatitis C (Status: gültig)

Sicherheitshinweise

  • Arzneimittelinteraktionen: Insgesamt wurden 53 Interaktionen erfasst. Als schwerwiegend (Major) eingestuft sind u. a. Clarithromycin, Dexamethason, Eluxadolin, Obeticholsäure, Rosuvastatin, Simvastatin, Cobicistat, Eltrombopag und Artesunat. Als moderat eingestuft sind u. a. Aprepitant, Cimetidin, Clotrimazol, Miconazol, Troglitazon, Deferasirox, Ticagrelor, Ivacaftor, Zafirlukast, Chloramphenicol und Erythromycin.
  • Hinweis zu antiretroviralen Mitteln: Bei gleichzeitiger HIV-Therapie sind Interaktionen über CYP3A4 und OATP1B1 (Hemmer und Induktoren) sorgfältig zu steuern.

Für Warnhinweise und Gegenanzeigen siehe Fachinformation.


Fazit und nächste Schritte

Entscheidung: Proceed with Guardrails

Begründung: Für die Population mit HIV/HCV-Koinfektion liegt starke Evidenz aus mehreren Phase-3-Studien vor. Diese bestätigt jedoch die ursprüngliche HCV-Indikation und keine Wirkung gegen HIV. Die Vorhersage ist daher nicht als echtes Repurposing für HIV zu werten.

Für das weitere Vorgehen sind erforderlich:

  • Klärung, ob tatsächlich eine anti-HIV-Wirkung geprüft werden soll (präklinische und mechanistische Daten fehlen)
  • Daten zum Wirkmechanismus
  • Fachinformation des BfArM mit Warnhinweisen und Gegenanzeigen für das Sicherheits-Screening
  • Interaktionsmanagement mit antiretroviralen Therapien
  • Klärung des Zulassungsstatus

Weitere Vorhersagen (zur Einordnung): Hepatitis B, E und A, Omsk-Fieber, Kyasanur-Waldkrankheit, SIV, felines Immunschwächesyndrom und eine seltene neurologische Entwicklungsstörung wurden ebenfalls vorhergesagt. Für diese besteht jeweils keine belastbare Evidenz oder kein plausibler Mechanismus (Empfehlung: Hold). Bei der Kyasanur-Waldkrankheit gibt es lediglich eine In-silico-Studie, die als Forschungsfrage einzustufen ist.

Haftungsausschluss

Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.