Lacosamide
| Evidenzniveau: L5 | Vorhergesagte Indikationen: 10 |
Inhaltsverzeichnis
- Lacosamide
- Pharmazeutischer Bewertungsbericht
- Lacosamid: Von Epilepsie zu Manische bipolare affektive Störung
- Zusammenfassung in einem Satz
- Kurzüberblick
- Warum ist diese Vorhersage plausibel?
- Klinische Studien
- Literaturevidenz
- Marktinformationen Deutschland
- Sicherheitsaspekte
- Fazit und nächste Schritte
- Haftungsausschluss
Lacosamid: Von Epilepsie zu Manische bipolare affektive Störung
Zusammenfassung in einem Satz
Lacosamid ist ein Antiepileptikum, das ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie (insbesondere fokaler Anfälle) zugelassen wurde. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass es bei Migräne wirksam sein könnte (höchstplatzierte Vorhersage mit klinischer Evidenz). Dafür liegen 4 klinische Studien (3 davon abgeschlossen) und 1 publizierte randomisierte kontrollierte Studie vor.
Kurzüberblick
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Ursprüngliche Indikation | Epilepsie |
| Vorhergesagte neue Indikation | Migräne (Migräneerkrankung); die TxGNN-Rangliste führt auf Platz 1 „manische bipolare affektive Störung“, für Migräne (Platz 5) ist die Evidenz jedoch deutlich stärker |
| TxGNN-Vorhersagewert | 0,9987 (Migräne) |
| Evidenzstufe | L5 |
| Marktstatus in Deutschland | Im Handel (gültige Zulassungen: 4 von 4) |
| Anzahl der Zulassungen | 4 (gültig: 4) |
| Empfohlene Entscheidung | Proceed with Guardrails (Fortfahren mit Schutzmaßnahmen) |
Warum ist diese Vorhersage plausibel?
Zum Wirkmechanismus liegen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten keine detaillierten Angaben aus der Arzneimitteldatenbank vor. Nach bekanntem Stand verstärkt Lacosamid die langsame Inaktivierung spannungsabhängiger Natriumkanäle und moduliert das Protein CRMP2. Beides kann die neuronale Übererregbarkeit dämpfen.
Migräne und Epilepsie teilen Mechanismen der neuronalen Übererregbarkeit. Mehrere Antiepileptika (z. B. Topiramat) werden bereits zur Migräneprophylaxe eingesetzt. Hinzu kommt eine spezifische Hypothese: Über CRMP2 könnte Lacosamid die Freisetzung des Calcitonin-Gene-Related Peptide (CGRP) im trigeminalen System hemmen. Präklinische Daten an Mäusen zeigen zudem einen Effekt auf die kortikale Streudepolarisation, ein etabliertes Migränemodell.
Wichtig: Die Phase-3-Studien sind Vergleiche mit Wirkstoffen (Propranolol, Topiramat). Die Ergebnisse müssen daher auf Überlegenheit gegenüber Placebo bzw. Nichtunterlegenheitsmargen geprüft werden.
Klinische Studien
| Studiennummer | Phase | Status | Teilnehmerzahl | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| NCT05851781 | Phase 3 | Abgeschlossen | 600 | Lacosamid vs. Propranolol bei Migräne; Endpunkte: Reduktion der monatlichen Kopfschmerztage, Anteil mit ≥ 50 % Reduktion |
| NCT06243692 | Phase 3 | Unbekannt | 600 | Lacosamid vs. Topiramat bei Migräne; gleiche Endpunkte; keine Ergebnisse verfügbar |
| NCT05632133 | Phase 3 (als Pilotstudie beschrieben) | Abgeschlossen | 200 | Wirkung von Lacosamid (50 mg 2×/Tag, 3 Monate) auf den CGRP-Serumspiegel bei episodischer Migräne, zusätzlich zu Ibuprofen |
| NCT00440518 | Phase 2 | Abgeschlossen | 218 | Multizentrische, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 100 bzw. 300 mg/Tag zur Migräneprophylaxe (Dauer bis 18 Wochen) |
Literaturevidenz
| PMID | Jahr | Typ | Journal | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| 41863672 | 2026 | RCT | Molecular Neurobiology | Lacosamid vs. Propranolol bei episodischer Migräne (randomisiert, doppelblind); Prüfung von Wirksamkeit und Sicherheit als Alternative bei Propranolol-Unverträglichkeit |
| 38502425 | 2024 | RCT | Acta Neurologica Belgica | Wirkung von Lacosamid auf den CGRP-Serumspiegel bei episodischer Migräne |
| 22779776 | 2013 | Systematische Übersicht/Metaanalyse | Epilepsia | Nebenwirkungsprofil von Lacosamid in randomisierten Studien (Epilepsiepopulationen) |
| 40670944 | 2025 | Präklinisch (Maus) | J Headache Pain | Wirkung von Lacosamid auf die kortikale Streudepolarisation |
| 27917413 | 2016 | Präklinisch | Pain Reports | Wirksamkeit von (S)-Lacosamid in Modellen des Kopfschmerzes; CRMP2 als Ziel zur Hemmung der CGRP-Freisetzung |
| 22862686 | 2012 | Übersichtsarbeit | Expert Opin Emerg Drugs | Neue Behandlungen bei chronischer und refraktärer chronischer Migräne |
| 35696452 | 2022 | Übersichtsarbeit | Brain | SCN1A-Funktionsgewinn-Störungen (u. a. familiäre hemiplegische Migräne Typ 3) und therapeutische Implikationen |
Marktinformationen Deutschland
Nach den zusammengestellten Daten ist Lacosamid in Deutschland im Handel; alle 4 erfassten Zulassungen sind gültig.
| Zulassungsnummer | Produktname | Darreichungsform | Zugelassene Indikation |
|---|---|---|---|
| EMEA/H/C/000863 | Vimpat (UCB Pharma SA) | – | Epilepsie |
| EMEA/H/C/006047 | Lacosamide Adroiq (Extrovis EU Ltd) | – | Epilepsie |
| EMEA/H/C/004443 | Lacosamide Accord (Accord Healthcare S.L.U.) | – | Epilepsie |
| EMEA/H/C/005243 | Lacosamide UCB (UCB Pharma S.A.) | – | Partielle Epilepsien |
Sicherheitsaspekte
- Kontraindikationen laut Wissensgraph (keine Fachinformationstexte): Im TxGNN-Wissensgraphen sind Kontraindikationen mit u. a. folgenden Erkrankungen verzeichnet: Lebererkrankung, Gallenblasenerkrankung, Vorhofflimmern, Vorhofflattern, koronare Herzkrankheit, Myokardischämie, AV-Block, Sick-Sinus-Syndrom, orthostatische Hypotonie, posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom und Multisystematrophie. Diese Hinweise sind nicht mit Fachinformationstexten abgeglichen.
- Arzneimittelwechselwirkungen: 25 Wechselwirkungen erfasst (Auswahl). Als schwerwiegend (Major) eingestuft: Dolasetron, Ceritinib, Siponimod. Als moderat u. a.: Clarithromycin, Ethanol, Cobicistat, Chloroquin, Hydroxychloroquin, Mefloquin, Lidocain, Ketoconazol, Pasireotid, Alectinib, Brigatinib, Crizotinib, Fingolimod, Idelalisib, Imatinib, Ozanimod, Sunitinib. Viele dieser Wechselwirkungen betreffen Substanzen mit Einfluss auf die kardiale Überleitung (z. B. PR-Intervall), was zu den kardialen Hinweisen oben passt.
- Fallbericht: Ein Fallbericht beschreibt eine durch Lacosamid ausgelöste Neutropenie bei einem Patienten mit bipolarer Störung (PMID 30275630).
Für weitere Sicherheitsinformationen siehe die Fachinformation.
Fazit und nächste Schritte
Entscheidung: Proceed with Guardrails (Fortfahren mit Schutzmaßnahmen)
Begründung: Für Migräne liegen mehrere abgeschlossene Phase-3-Studien und eine publizierte doppelblinde RCT vor, was formal Evidenzstufe L1 entspricht. Die Studien sind jedoch Vergleichsstudien mit Wirkstoffen, stammen offenbar aus einer Forschungsgruppe, und die Ergebnisse sind in den Daten nicht im Detail verfügbar. Zudem ist Lacosamid in Deutschland aktuell im Handel, mit 4 gültigen Zulassungen von 4 erfassten.
Für das Fortfahren sind folgende Schritte nötig:
- Prüfung der Volltexte und Ergebnisse von NCT05851781 und PMID 41863672 (Effektgrößen, Nichtunterlegenheitsmargen, Studienpopulation, Verblindung)
- Unabhängige Replikation bzw. placebokontrollierte Bestätigung der Wirksamkeit
- Klärung des Zielkrankheitsbildes von NCT00440518 (Titel in den Daten abgeschnitten) und des Status von NCT06243692
- Beschaffung der aktuellen Fachinformation (Warnhinweise, Kontraindikationen) – diese Daten fehlen derzeit und blockieren die Sicherheitsprüfung
- Detaillierte Wirkmechanismus-Daten aus der Arzneimitteldatenbank
- Klärung des regulatorischen Weges (aktuell 4 gültige Zulassungen in Deutschland)
- Sicherheitsüberwachungsplan, insbesondere kardiale Überleitung (EKG), Blutbild und Wechselwirkungen
Hinweis zu weiteren Vorhersagen
Die übrigen Vorhersagen haben deutlich schwächere Evidenz. Manische bipolare Störung (Platz 1, TxGNN-Wert 0,9996, Evidenzstufe L3) stützt sich nur auf eine kleine retrospektive Studie, eine offene Pilotstudie und Fallberichte, einschließlich eines Neutropenie-Signals (Empfehlung: Forschungsfrage). Myofasziales Schmerzsyndrom (L2, Phase-2-Studie zu Fibromyalgie, Ergebnis unbekannt) ist ebenfalls eine Forschungsfrage. Tourette-Syndrom, Trichotillomanie, nephrogenes Syndrom der inadäquaten Antidiurese, Schlaflosigkeit, Migräne mit Hirnstammaura, Zwangsstörung und Conjunctivitis papillaris sind reine Modellvorhersagen ohne belastbare Evidenz (Empfehlung: Hold).
Haftungsausschluss
Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.