Lenalidomide

Evidenzniveau: L2 Vorhergesagte Indikationen: 4

Inhaltsverzeichnis

  1. Lenalidomide
    1. Pharmazeutischer Bewertungsbericht
    2. Lenalidomide: Myeloische Leukämie (myeloid leukemia)
    3. Zusammenfassung
    4. Schnellübersicht
    5. Warum ist diese Vorhersage plausibel?
    6. Evidenz aus klinischen Studien
    7. Literaturevidenz
    8. Marktinformationen Deutschland
    9. Zytotoxizität
    10. Sicherheitsaspekte
    11. Fazit und nächste Schritte
    12. Haftungsausschluss

Pharmazeutischer Bewertungsbericht

Lenalidomide: Myeloische Leukämie (myeloid leukemia)

Zusammenfassung

Lenalidomid ist ein oraler Immunmodulator, der ursprünglich zur Behandlung des Multiplen Myeloms, des Mantelzell-Lymphoms und des myelodysplastischen Syndroms (MDS) zugelassen wurde. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass er bei myeloischer Leukämie wirksam sein könnte, mit 47 klinischen Studien und 20 Publikationen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten. Die Evidenz stammt überwiegend aus kleinen, einarmigen Phase-1/2-Studien. Randomisierte Wirksamkeitsbelege fehlen weitgehend.


Schnellübersicht

Punkt Inhalt
Ursprüngliche Indikation Multiple Myeloma;Lymphoma, Mantle-Cell;Myelodysplastic Syndromes; Multiple Myeloma
Vorhergesagte neue Indikation Myeloische Leukämie (myeloid leukemia)
TxGNN-Vorhersagewert 0.9949
Evidenzstufe L2
Marktstatus in Deutschland Im Handel (gültige Zulassungen: 3 von 3)
Anzahl der Zulassungen 3 (gültig: 3)
Empfohlene Entscheidung Proceed with Guardrails (Fortführung mit Schutzmaßnahmen)

Warum ist diese Vorhersage plausibel?

Detaillierte Mechanismusdaten (MOA) sind in den zusammengestellten Daten derzeit nicht verfügbar. Nach allgemeinem Wissen bindet Lenalidomid Cereblon (CRBN) und lenkt die CRL4-CRBN-E3-Ligase um, sodass die Transkriptionsfaktoren IKZF1 und IKZF3 abgebaut werden. Bei Erkrankungen mit del(5q) nutzt es zudem die Haploinsuffizienz von CK1α (CSNK1A1) aus. Hinzu kommen immunmodulatorische Effekte (Aktivierung von T- und NK-Zellen). Diese Mechanismusbeschreibung ist aus allgemeinem Wissen abgeleitet und nicht aus den vorliegenden Daten belegt.

Multiples Myelom, MDS und myeloische Leukämie sind hämatologische Neoplasien, die teils dieselben Signalwege teilen. Die bestehende Zulassung bei MDS mit del(5q) stützt die biologische Plausibilität, da MDS häufig in eine akute myeloische Leukämie (AML) übergeht. Die immunmodulatorische Wirkung könnte zudem eine Erhaltungstherapie in der Remission unterstützen. Der Nutzen ist am ehesten bei MDS/AML mit del(5q) zu erwarten.


Evidenz aus klinischen Studien

Die Daten enthalten 47 Studien zu myeloischer Leukämie. Die folgende Tabelle zeigt die 10 relevantesten (nach Bewertung der Relevanz, Teilnehmerzahl und Studienphase).

Studiennummer Phase Status Teilnehmer Zentrale Ergebnisse
NCT00843882 Phase 3 Aktiv, nicht rekrutierend 247 Lenalidomid allein vs. mit Epoetin alfa bei MDS mit niedrigem/intermediärem Risiko und symptomatischer Anämie
NCT04490707 Phase 3 Unbekannt 60 Azacitidin plus Lenalidomid als MRD-gesteuerte Erhaltung bei älteren/nicht fitten AML-Patienten
NCT01522976 Phase 2/3 Aktiv, nicht rekrutierend 282 Randomisiert: Azacitidin allein vs. plus Lenalidomid vs. plus Vorinostat bei Hochrisiko-MDS und CMML
NCT00831766 Phase 1/2 Abgeschlossen 51 Idarubicin + Cytarabin, gefolgt von Lenalidomid bei MDS (RAEB-2) oder unbehandelter AML
NCT01301820 Phase 2 Abgeschlossen 120 Erhaltung mit Lenalidomid im Wechsel mit Azacitidin nach Induktion bei älteren AML-Patienten
NCT01358734 Phase 2 Abgeschlossen 88 Randomisiert: Lenalidomid, sequenziell Azacitidin + Lenalidomid vs. Azacitidin bei älteren Patienten mit neu diagnostizierter AML
NCT01038635 Phase 1/2 Abgeschlossen 94 Azacitidin plus Lenalidomid bei Hochrisiko-MDS und AML
NCT02126553 Phase 2 Abgeschlossen 29 Lenalidomid-Erhaltung bei Hochrisiko-AML in Remission (einarmig)
NCT00360672 Phase 2 Abgeschlossen 27 Lenalidomid als Monotherapie bei rezidivierter/refraktärer AML oder Hochrisiko-MDS mit Chromosom-5-Anomalien
NCT00352001 Phase 1/2 Abgeschlossen 37 Lenalidomid plus Azacitidin bei fortgeschrittenem MDS

Die Studien sind überwiegend kleine, einarmige Phase-1/2-Studien. Der Beitrag von Lenalidomid lässt sich in Kombinationstherapien nicht isolieren. Die beiden Phase-3-Studien sind nicht abgeschlossen bzw. haben einen unbekannten Status, sodass die Kriterien für L1 nicht erfüllt sind.


Literaturevidenz

PMID Jahr Typ Journal Zentrale Ergebnisse
23316859 2013 Übersichtsarbeit Expert Opin Investig Drugs Lenalidomid als neuartige Behandlung der AML; Zulassung bei del(5q)-MDS und Myelom, Studien bei Hochrisiko-MDS und AML
32899586 2020 Übersichtsarbeit Cancers Immunmodulatorische Substanzen (IMiDs) in der AML-Therapie
37288607 2023 Übersichtsarbeit Am J Hematol Update 2023 zu Diagnose, Risikostratifizierung und Therapie des MDS
37874917 2023 Übersichtsarbeit Blood Klinische Entscheidungsfindung und Behandlung des MDS
38066862 2023 Übersichtsarbeit Hematology ASH Educ Program Neue Therapien für MDS mit niedrigem Risiko
41348013 2025 Übersichtsarbeit Hematology ASH Educ Program Aktualisierung zu MDS mit niedrigem/intermediärem Risiko
39881283 2025 Präklinische Studie Cell Mol Biol Lett KDM5C erhöht über die Stabilisierung von Cereblon die Empfindlichkeit von AML-Zellen gegenüber Lenalidomid
29795386 2018 Übersichtsarbeit Blood Cancer J Aktueller Behandlungsalgorithmus beim MDS
24656536 2014 Übersichtsarbeit Lancet Übersicht zu myelodysplastischen Syndromen
17488990 2007 Übersichtsarbeit J Clin Oncol AML und MDS bei älteren Patienten

Es liegen keine randomisierten kontrollierten Studien (RCT) zur Wirksamkeit bei myeloischer Leukämie vor. Mehrere Arbeiten sind allgemeine MDS-Übersichten ohne spezifischen Bezug zu Lenalidomid.


Marktinformationen Deutschland

Zulassungsnummer Produktname Darreichungsform Zugelassene Indikation
EMEA/H/C/000717 Revlimid – Multiples Myelom; Mantelzell-Lymphom; Myelodysplastische Syndrome
EMEA/H/C/005306 Lenalidomide Mylan – Multiples Myelom
EMEA/H/C/004857 Lenalidomide Accord – Multiples Myelom

Das Arzneimittel ist in Deutschland im Handel. Alle 3 Zulassungen sind gültig (3 von 3).


Zytotoxizität

Punkt Inhalt
Zytotoxizitätsklassifikation Immunmodulator (IMiD, Thalidomid-Analogon); keine klassische Zytostatika-Chemotherapie
Myelosuppressionsrisiko Hoch (laut Wissensgraph-Kontraindikationen u. a. Thrombozytopenie, Neutropenie, Agranulozytose)
Emetogenität Niedrig (allgemeine Einschätzung, nicht aus den Daten belegt)
Überwachungsparameter Großes Blutbild mit Differenzialblutbild, Leber- und Nierenfunktion
Schutzmaßnahmen bei der Handhabung Bitte die Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen der Fachinformation beachten

Sicherheitsaspekte

  • Kontraindikationen aus dem Wissensgraphen (PrimeKG, keine Angaben aus dem Beipackzettel): Thrombozytopenie, Neutropenie, Agranulozytose, Lungenembolie, eingeschränkte Nierenfunktion, Krebserkrankung, Embryom.
  • Arzneimittelwechselwirkungen: 100 Wechselwirkungen wurden gefunden. Als schwerwiegend (Major) eingestuft sind Rosuvastatin und Simvastatin. Als moderat eingestuft sind Eliglustat und Naltrexon. Die übrigen angezeigten Wechselwirkungen (z. B. Pantoprazol, Metformin, Prednison, Morphin) sind ohne bekannte Einstufung.

Für Warnhinweise und Kontraindikationen aus der Fachinformation bitte die Fachinformation heranziehen.


Fazit und nächste Schritte

Entscheidung: Proceed with Guardrails

Begründung: Für myeloische Leukämie liegen mehrere Phase-2-Studien (u. a. Erhaltungstherapie bei AML in Remission) und ein plausibler Mechanismus vor, jedoch keine abgeschlossene randomisierte Phase-3-Studie. Die Evidenzstufe ist L2. Die vorhandenen Daten stammen überwiegend aus kleinen, einarmigen Studien. Das Myelosuppressionsrisiko ist hoch.

Weitere Indikationen im Überblick:

  • Empfehlung: Forschungsfrage.
  • Refraktäre Zytopenie des Kindesalters (0.9935, L3): Nur eine pädiatrische Phase-1-Studie (n=24), die Sicherheit und Dosierung, aber nicht Wirksamkeit belegt. Empfehlung: Hold.
  • Aregenerative Anämie (0.9932, L3): Nur Phase-1/2-Studien bei MDS bzw. pädiatrischen Patienten; die Literatur betrifft überwiegend Myelom und Lymphom. Empfehlung: Forschungsfrage.
  • Schwere kongenitale hypochrome Anämie mit Ringsideroblasten (0.9928, L5): Nur Modellvorhersage, keine Studien oder Literatur. Empfehlung: Hold.

Für das weitere Vorgehen sind erforderlich:

  • Fachinformation (Warnhinweise, Kontraindikationen) des BfArM bzw. der EMA, da diese Daten fehlen und die Sicherheitsprüfung blockieren
  • Detaillierte Mechanismusdaten (MOA) aus DrugBank
  • Randomisierte Daten zu AML, insbesondere zur Erhaltungstherapie und zur Subgruppe mit del(5q)
  • Überwachungsplan für Blutbild, Thromboembolie-Risiko und Nierenfunktion sowie Prüfung der Wechselwirkungen mit Statinen
  • Berücksichtigung der teratogenen Risiken (Thalidomid-Analogon) und der Anforderungen an ein Schwangerschaftsverhütungsprogramm

    Haftungsausschluss

Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.