Mycophenolate Mofetil
| Evidenzniveau: L2 | Vorhergesagte Indikationen: 10 |
Inhaltsverzeichnis
- Mycophenolate Mofetil
- Pharmazeutischer Bewertungsbericht
- Mycophenolat-Mofetil: Von der Transplantatabstoßung zur HIV-Infektion
- Zusammenfassung in einem Satz
- Kurzüberblick
- Warum ist diese Vorhersage plausibel?
- Evidenz aus klinischen Studien
- Literaturevidenz
- Marktinformationen Deutschland
- Sicherheitsaspekte
- Fazit und nächste Schritte
- Haftungsausschluss
Mycophenolat-Mofetil: Von der Transplantatabstoßung zur HIV-Infektion
Zusammenfassung in einem Satz
Mycophenolat-Mofetil wird ursprünglich zur Vorbeugung der Transplantatabstoßung eingesetzt. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass es bei HIV-Infektionskrankheit wirksam sein könnte. Dafür liegen 4 klinische Studien (davon nur eine mit direktem Bezug und ohne Daten, da zurückgezogen) und 20 Publikationen vor, jedoch kein Nachweis eines dauerhaften klinischen Nutzens.
Kurzüberblick
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Ursprüngliche Indikation | Transplantatabstoßung |
| Vorhergesagte neue Indikation | HIV-Infektionskrankheit |
| TxGNN-Vorhersagewert | 0,9986 |
| Evidenzlevel | L2 (laut Datenlage; die Studienlage ist faktisch jedoch schwach, siehe unten) |
| Marktstatus in Deutschland | Im Handel (gültige Zulassungen: 4 von 4) |
| Anzahl der Zulassungen | 4 (gültig: 4) |
| Empfohlene Entscheidung | Hold (Forschungsfrage) |
Warum ist diese Vorhersage plausibel?
Detaillierte Daten zum Wirkmechanismus liegen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten nicht vor. Aus der mechanistischen Analyse ist jedoch bekannt: Mycophenolsäure, der aktive Metabolit, hemmt die Inosinmonophosphat-Dehydrogenase (IMPDH) und senkt dadurch die intrazellulären Guanosin-Nukleotidpools. Dies hat zwei mögliche Effekte: Erstens wird die Lymphozytenproliferation reduziert, wodurch weniger aktivierte Zielzellen für das Virus zur Verfügung stehen. Zweitens kann die antivirale Wirkung von Nukleosidanaloga wie Abacavir und Didanosin verstärkt werden, weil sich die dNTP-Verhältnisse verschieben.
Die ursprüngliche Indikation (Immunsuppression nach Transplantation) und die neue Indikation (HIV) teilen den Ansatzpunkt der Lymphozytenaktivierung. Chronische Immunaktivierung gilt als Marker für das Fortschreiten von HIV. Der Mechanismus ist plausibel, es existieren kleine klinische Studien, ein dauerhafter klinischer Nutzen ist jedoch nicht belegt.
Evidenz aus klinischen Studien
| Studiennummer | Phase | Status | Teilnehmerzahl | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| NCT00021489 | Phase 2 | Zurückgezogen | 0 | Sicherheit und antiretrovirale Aktivität von MMF zusätzlich zu Abacavir; keine Daten, da zurückgezogen |
| NCT00038272 | Phase 2 | Abgeschlossen | 56 | DAPD vs. DAPD plus MMF bei vorbehandelten HIV-Patienten; Bezug zu MMF nur indirekt |
| NCT00112593 | Nicht zutreffend | Abgeschlossen | 5 | Stammzelltransplantation bei HIV-Patienten; MMF nur Teil der Immunsuppression, indirekte Evidenz |
| NCT01288131 | Phase 3 | Abgebrochen | 8 | Anti-EPO-assoziierte Erythroblastopenie (PRCA), keine HIV-Studie; ohne Aussagekraft für HIV |
Literaturevidenz
| PMID | Jahr | Typ | Fachzeitschrift | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| 15353978 | 2004 | RCT | AIDS | HAART mit oder ohne MMF bei therapienaiven HIV-1-Patienten; Wirkung auf Abfallrate der HIV-RNA und latentes Reservoir |
| 15871638 | 2005 | PK/PD-Studie | Clinical Pharmacokinetics | Pharmakokinetik niedrig dosierten MMF bei HIV-Patienten unter Abacavir, Efavirenz und Nelfinavir |
| 16379601 | 2005 | Klinische Kurzmitteilung | AIDS Research and Human Retroviruses | Keine nachteiligen immunologischen Effekte von MMF plus HAART |
| 12352149 | 2002 | Fallserie (5 Patienten) | J Acquir Immune Defic Syndr | MMF zusätzlich zu Abacavir senkte intrazelluläres dGTP und die HIV-1-RNA im Plasma |
| 17017956 | 2006 | Review | Current Topics in Medicinal Chemistry | Immunsuppressive Substanzen bei HIV-Erkrankung |
| 16515490 | 2006 | Review | Current Pharmaceutical Design | Virostatika als Ansatz gegen HIV |
| 12003181 | 2002 | Review | J Biol Regul Homeost Agents | Immunmodulation zur Langzeitkontrolle von HIV-1 |
| 20840478 | 2010 | Retrospektive Studie | Am J Transplant | Nierentransplantation bei HIV-Infizierten (Paris), u. a. mit MMF-Schema |
Marktinformationen Deutschland
| Zulassungsnummer | Produktname | Darreichungsform | Zugelassene Indikation |
|---|---|---|---|
| EMEA/H/C/000082 | CellCept | – | Transplantatabstoßung (gültig) |
| EMEA/H/C/000884 | Myfenax | – | Transplantatabstoßung (gültig) |
| EMEA/H/C/000882 | Mycophenolate mofetil Teva | – | Transplantatabstoßung (gültig) |
| EMEA/H/C/001218 | Myclausen | – | Transplantatabstoßung (gültig) |
Sicherheitsaspekte
- Kontraindikationen/Risikokonstellationen aus dem Wissensgraphen (TxGNN/PrimeKG, kein Packungsbeilagentext): u. a. Lebererkrankung, Neutropenie, Agranulozytose, aplastische Anämie und verwandte Knochenmarkinsuffizienz-Syndrome, aktives Magengeschwür, Infektionen mit Cytomegalievirus, Herpes simplex und Herpes zoster, progressive multifokale Leukoenzephalopathie sowie Krebserkrankungen (u. a. Lymphome, Hautkrebs).
- Wechselwirkungen: Insgesamt wurden 92 Wechselwirkungen erfasst. Als schwerwiegend (Major) gilt Aktivkohle. Zu den moderaten zählen u. a. Protonenpumpenhemmer (Omeprazol, Esomeprazol, Pantoprazol-Klasse wie Rabeprazol, Lansoprazol, Dexlansoprazol), Antibiotika (Amoxicillin, Doxycyclin, Tetracyclin, Minocyclin, Clarithromycin, Vancomycin, Kanamycin, Paromomycin) sowie Antazida (Magnesiumoxid, Aluminiumhydroxid, Calciumcarbonat). Geringfügig (Minor) sind Zinksulfat, Zinkacetat und Eisen.
Warnhinweise und Kontraindikationen aus der Packungsbeilage liegen nicht vor; bitte die Fachinformation konsultieren.
Fazit und nächste Schritte
Entscheidung: Hold (Forschungsfrage)
Begründung: Der Mechanismus (IMPDH-Hemmung, Verstärkung von Nukleosidanaloga) ist plausibel, und es gibt kleine Studien, darunter einen RCT mit unklarem Ergebnis. Es fehlt jedoch ein belegter dauerhafter klinischer Nutzen, und die direkt relevante Studie wurde ohne Daten zurückgezogen. Das Arzneimittel ist in Deutschland im Handel (4 von 4 Zulassungen gültig), für die neue Indikation besteht aber keine Zulassung. Die Sicherheitsprüfung ist wegen fehlender Packungsbeilagendaten noch nicht möglich. Der Evidenzlevel L2 sollte daher vorsichtig interpretiert werden.
Zur Weiterverfolgung sind folgende Schritte nötig:
- Auswertung der Packungsbeilage (Warnhinweise, Kontraindikationen) vom BfArM bzw. der EMA, da dies die Sicherheitsprüfung derzeit blockiert
- Daten zum Wirkmechanismus aus DrugBank ergänzen
- Detaillierte Auswertung der Ergebnisse des RCT (PMID 15353978) sowie der Fallserien
- Klärung des regulatorischen Wegs für die neue Indikation (das Arzneimittel ist im Handel, 4 von 4 Zulassungen gültig)
- Risiko-Nutzen-Bewertung der Immunsuppression bei HIV-Patienten (Infektionsrisiko, Knochenmarksuppression)
Weitere vorhergesagte Indikationen (zur Einordnung):
- Multiple Sklerose (Score 0,9954, L2): mehrere kleine Phase-1/2-Studien (u. a. mit Interferon beta-1a) und Cochrane-Übersichten, aber keine Phase-3-Wirksamkeitsevidenz und laut Cochrane unzureichende Evidenz. Als Forschungsfrage weiterverfolgbar.
- Hämosiderose (L4): nur Übersichten und Fallberichte, Forschungsfrage.
- Übrige Vorhersagen (u. a. Morbus Paget des Knochens, SIV-Infektion, felines erworbenes Immunschwächesyndrom, Heiner-Syndrom, afrikanische Eisenüberladung, neonatale Hämochromatose, ein neuroentwicklungsbezogenes Syndrom): ausschließlich Modellvorhersage (L5) ohne Studien oder Literatur, daher Hold.
Haftungsausschluss
Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.