Ritonavir
| Evidenzniveau: L4 | Vorhergesagte Indikationen: 3 |
Inhaltsverzeichnis
Ritonavir: Von HIV-Infektion zur Simianen Immundefizienzvirus-Infektion
Zusammenfassung in einem Satz
Ritonavir ist ein HIV-Proteaseinhibitor, der ursprünglich zur Behandlung von HIV-Infektionen und (als Bestandteil von Paxlovid) von COVID-19 zugelassen wurde. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass er bei der Simianen Immundefizienzvirus-(SIV-)Infektion wirksam sein könnte. Hierfür liegen keine klinischen Studien und 10 Publikationen vor, überwiegend aus Tier- und In-vitro-Studien.
Kurzüberblick
| Punkt | Inhalt |
|---|---|
| Ursprüngliche Indikation | HIV-Infektion; COVID-19-Virusinfektion |
| Vorhergesagte neue Indikation | Simiane Immundefizienzvirus-Infektion (SIV) |
| TxGNN-Vorhersagewert | 99,92 % |
| Evidenzlevel | L4 |
| Marktstatus in Deutschland | Nur erloschene/widerrufene Zulassungen |
| Anzahl der Zulassungen | 5 (alle erloschen) |
| Empfohlene Entscheidung | Hold |
Warum ist diese Vorhersage plausibel?
Für diesen Bericht liegen derzeit keine detaillierten Daten zum Wirkmechanismus vor. Ritonavir gehört nach allgemeinem Wissen zur Klasse der HIV-Proteaseinhibitoren. Seine Wirksamkeit bei HIV ist belegt, und mechanistisch könnte es auch bei SIV anwendbar sein. Die Mechanismusangaben stammen aus allgemeinem Fachwissen, nicht aus den für diesen Bericht zusammengestellten Daten.
SIV und HIV sind eng verwandte Lentiviren, und ihre Proteasen sind strukturell und funktionell ähnlich. In-vitro-Daten stützen dies: SIVmac239 wurde durch Ritonavir mit einer EC50 von etwa 13 nM gehemmt, HIV-1 mit etwa 25 nM (PMID 12709355).
Wichtig ist die Einordnung: SIV-Infektion ist ein Tiermodell für HIV und keine eigenständige humane Indikation. Das Ergebnis spiegelt im Wesentlichen die bestehende HIV-Anwendung wider und ist keine echte neue Repurposing-Chance.
Evidenz aus klinischen Studien
Derzeit sind keine zugehörigen klinischen Studien registriert.
Evidenz aus der Literatur
| PMID | Jahr | Typ | Journal | Kernaussagen |
|---|---|---|---|---|
| 12709355 | 2003 | In-vitro-Studie | Antimicrob Agents Chemother | SIVmac239 wird durch Ritonavir (EC50 ca. 13 nM) ähnlich wie HIV-1 (ca. 25 nM) gehemmt |
| 15040537 | 2004 | In-vitro-Studie | Antivir Ther | Empfindlichkeit von HIV-2, SIV und SHIV gegenüber verschiedenen Anti-HIV-1-Substanzen; Bedeutung für Therapie und Postexpositionsprophylaxe |
| 16973590 | 2006 | Tierstudie | J Virol | Rascher Viruszerfall bei SIV-infizierten Makaken unter antiretroviraler Vierfachtherapie |
| 25033210 | 2014 | Tierstudie | PLoS One | Kombinierte ART plus HDAC-Inhibitor SAHA bei SIV-infizierten Rhesusaffen |
| 22737073 | 2012 | Tierstudie | PLoS Pathog | Hochintensivierte ART führt zu langfristiger Virussuppression und Reservoirrestriktion im Affenmodell |
| 12951220 | 2003 | Tierstudie | J Virol Methods | Orale HAART inkl. Lopinavir/Ritonavir und Effekt auf CD8-Subpopulation bei SHIV-infizierten Affen |
| 17350308 | 2007 | Tierstudie | Microbes Infect | Neuartiges SHIV mit HIV-1-Protease als Modell für In-vivo-Tests von Proteaseinhibitoren |
| 34903055 | 2021 | Übersichtsarbeit | mBio | Lentivirale Infektionen persistieren im Gehirn trotz wirksamer ART |
| 12186895 | 2002 | In-vitro-Mechanismusstudie | J Virol | Verarbeitung des HIV-1-Vif-Proteins durch die virale Protease |
| 9875393 | 1998 | In-vitro-Studie | Antivir Chem Chemother | Breitspektrum-Antivirusaktivität eines Fluorchinolonderivats (andere Substanz, nur indirekter Bezug) |
Marktinformationen Deutschland
| Zulassungsnummer | Produktname | Darreichungsform | Zugelassene Indikation |
|---|---|---|---|
| EMEA/H/C/000127 | Norvir | – | HIV-Infektion |
| EMEA/H/C/004549 | Ritonavir Viatris (zuvor Ritonavir Mylan) | – | HIV-Infektion |
| EMEA/H/C/005973 | Paxlovid | – | COVID-19-Virusinfektion |
| EMEA/H/C/004025 | Lopinavir/Ritonavir Viatris (zuvor Ritonavir Mylan) | – | HIV-Infektion |
| EMEA/H/C/000368 | Kaletra | – | HIV-Infektion |
Alle fünf Zulassungen haben den Status „erloschen/widerrufen“; derzeit ist keine gültige Zulassung verzeichnet.
Sicherheitsaspekte
- Kontraindikationen aus dem Wissensgraphen (PrimeKG, kein Packungsbeilagentext): Kardiale Erkrankungen (u. a. Long-QT-Syndrom, Torsade de pointes, plötzlicher Herzstillstand, Erregungsleitungsstörungen, AV-Block, Kardiomyopathie, koronare Herzkrankheit, myokardiale Ischämie); Leber- und Gallenerkrankungen (Lebererkrankung, Leberzirrhose, chronische Hepatitis B, Gallenblasenerkrankung, Hyperbilirubinämie, Gilbert-Syndrom); Stoffwechselstörungen (Diabetes mellitus, Hyperglykämie, diabetische Ketoazidose, Hypertriglyzeridämie, familiäre kombinierte Hyperlipidämie, Hyperurikämie, Gicht, Kaliummangel); Pankreatitis; Hämophilie.
- Arzneimittelwechselwirkungen (100 Einträge insgesamt, Auswahl):
- Schwerwiegend (Major): Loperamid, Triamcinolon, Budesonid
- Moderat: Acarbose, Hydrocortison, Albiglutid, Alogliptin, Metformin, Alosetron, Bupropion, Aprepitant, Dexamethason, Lorcaserin, Betamethason, Metronidazol, Canagliflozin, Chlorpropamid, Clarithromycin
Für weitere Sicherheitsinformationen (Warnhinweise, Gegenanzeigen laut Fachinformation) siehe bitte die Packungsbeilage.
Fazit und nächste Schritte
Entscheidung: Hold
Begründung: Die Evidenz für die SIV-Infektion beschränkt sich auf präklinische Daten (In-vitro- und Affenstudien), und es gibt keine klinischen Studien. SIV ist ein Tiermodell für HIV, daher bietet die Vorhersage keine neue humane Repurposing-Chance. Zudem sind in Deutschland derzeit alle Zulassungen erloschen.
Für ein Weiterkommen erforderlich:
- Daten zum Wirkmechanismus (MOA) ergänzen
- Packungsbeilage (Warnhinweise und Gegenanzeigen) beim BfArM beschaffen und auswerten, da dies für das Sicherheits-Screening blockierend ist
- Prüfen, ob die weiteren vorhergesagten Indikationen (felines erworbenes Immundefizienzsyndrom, neurologische Entwicklungsstörung mit ataktischem Gang) überhaupt sinnvoll sind; für beide liegen weder Studien noch Literatur vor, und die hohen Modellwerte sind vermutlich Artefakte des Graphen
- Klären, ob eine humane Indikation mit klinischer Relevanz besteht, bevor weitere Ressourcen eingesetzt werden
Haftungsausschluss
Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.