Mercaptopurine

Evidenzniveau: L2 Vorhergesagte Indikationen: 10

Inhaltsverzeichnis

  1. Mercaptopurine
  2. Mercaptopurin: Von lymphatischer Leukämie zu myeloischer Leukämie
    1. Zusammenfassung in einem Satz
    2. Kurzüberblick
    3. Warum ist diese Vorhersage plausibel?
    4. Klinische Evidenz
    5. Literaturevidenz
    6. Informationen zum deutschen Markt
    7. Zytotoxizität
    8. Sicherheitsaspekte
    9. Weitere Vorhersagen im Überblick
    10. Fazit und nächste Schritte
    11. Haftungsausschluss

## Pharmazeutischer Bewertungsbericht

Mercaptopurin: Von lymphatischer Leukämie zu myeloischer Leukämie

Zusammenfassung in einem Satz

Mercaptopurin ist ein Purin-Antimetabolit, der ursprünglich zur Behandlung der lymphatischen Leukämie zugelassen wurde. Das TxGNN-Modell sagt voraus, dass es auch bei myeloischer Leukämie wirksam sein könnte. Dafür liegen 15 klinische Studien und 20 Publikationen vor, die überwiegend Mehrstoff-Protokolle betreffen und nur selten Mercaptopurin allein untersuchen.


Kurzüberblick

Punkt Inhalt
Ursprüngliche Indikation Lymphatische Leukämie
Vorhergesagte neue Indikation Myeloische Leukämie
TxGNN-Vorhersagewert 99,94 %
Evidenzstufe L2
Marktstatus in Deutschland Nur erloschene/gelöschte Zulassung
Anzahl der Zulassungen 1
Empfohlene Entscheidung Hold

Hinweis: Die höchstplatzierte Vorhersage (myeloische Leukämie) ist nur indirekt belegt. Die Vorhersagen „akute lymphatische Leukämie" und „lymphoblastisches Lymphom/Leukämie" entsprechen dagegen der bereits bestehenden Indikation und sind eine Bestätigung der etablierten Anwendung, keine echte Neuausrichtung (siehe Abschnitt „Weitere Vorhersagen").


Warum ist diese Vorhersage plausibel?

Zu den Wirkmechanismen liegen in den für diesen Bericht zusammengestellten Daten keine detaillierten Angaben vor. Bekannt ist: Mercaptopurin ist ein Purin-Antimetabolit. Seine Thioguanin-Nukleotid-Metaboliten werden in DNA und RNA eingebaut und hemmen die de-novo-Purinsynthese. Das wirkt zytotoxisch auf sich schnell teilende Leukämiezellen.

Da myeloische Leukämiezellen sich ebenfalls schnell teilen, ist eine mechanistische Übertragbarkeit von der lymphatischen auf die myeloische Leukämie plausibel. Die klinischen Daten stammen jedoch überwiegend aus Mehrstoff-Protokollen, sodass der Beitrag von Mercaptopurin nicht isoliert bewertet werden kann. Die Literatur zur Erhaltungstherapie bei AML ist klein (Kohortenstudie, PMID 26425037), und die Berichte zur ALL-ähnlichen Konsolidierung betreffen Kinder (PMID 38828002).


Klinische Evidenz

Ausgewählt wurden die zehn für myeloische Leukämie relevantesten Studien. Der Beitrag von Mercaptopurin ist in den meisten Fällen nicht isolierbar.

Studiennummer Phase Status Teilnehmerzahl Kernaussagen
NCT00003934 Phase 3 Abgeschlossen 420 Randomisiert bei akuter Promyelozytenleukämie: Tretinoin plus Chemotherapie mit/ohne Arsentrioxid, danach Erhaltung mit Tretinoin allein oder mit Mercaptopurin und Methotrexat
NCT00492856 Phase 3 Abgeschlossen 105 S0521: randomisierte Erhaltungstherapie versus Beobachtung bei APL mit niedrigem/mittlerem Risiko; Mercaptopurin-Arm nicht bestätigt
NCT02521493 Phase 3 Aktiv, nicht rekrutierend 280 Risikostratifizierte Therapie der AML bei Down-Syndrom; Beitrag von Mercaptopurin nicht isolierbar
NCT00136084 Phase 3 Abgeschlossen 238 Vergleich zweier Mehrstoff-Regime mit unterschiedlichen Cytarabin-Dosen bei neu diagnostizierter AML/Myelodysplasie
NCT05506332 Phase 1 Rekrutierend 10 ApoAML: Venetoclax plus 6-Mercaptopurin bei rezidivierter/refraktärer AML; frühe Phase, sehr kleine Fallzahl
NCT06199557 Phase 1/2 Rekrutierend 48 Hydroxyurea plus Valproinsäure oder 6-Mercaptopurin plus Valproinsäure bei AML/Hochrisiko-MDS, die für die Standardtherapie nicht geeignet sind
NCT00002701 Phase 3 Unbekannt 750 ATRA plus Idarubicin bei APL mit randomisierter Erhaltung; Mercaptopurin möglicherweise Teil der Erhaltung, indirekt
NCT02688140 Phase 3 Abgeschlossen 133 Arsentrioxid plus ATRA und Idarubicin versus AIDA bei Hochrisiko-APL; Mercaptopurin nicht die getestete Variable
NCT00482833 Phase 3 Abgeschlossen 276 Arsentrioxid plus ATRA versus AIDA bei APL ohne Hochrisiko; offen, randomisiert
NCT00866918 Phase 3 Abgeschlossen 106 Risikoadaptierte Therapie der APL im Kindesalter mit Arsentrioxid in der Konsolidierung

Literaturevidenz

PMID Jahr Typ Zeitschrift Kernaussagen
26425037 2015 Kohorte Journal of Korean Medical Science Orale Erhaltungschemotherapie mit 6-Mercaptopurin und Methotrexat bei AML-Patienten, die für eine Transplantation nicht geeignet sind
27275453 2016 Pilotstudie South Asian Journal of Cancer Metronomische Therapie mit oralem 6-Mercaptopurin bei älteren AML-Patienten
32459546 2020 Retrospektiv Pediatric Hematology and Oncology Ergebnisse bei juveniler myelomonozytärer Leukämie nach sequenzieller Therapie mit Cytarabin und 6-Mercaptopurin
38828002 2024 Kohorte Therapeutic Advances in Hematology Intensive Chemotherapie mit dualer Induktion und ALL-ähnlicher Konsolidierung bei Kinder-AML (China)
31283407 2019 Kohorte (Phase-3-Studie) Journal of Clinical Oncology Interfant-06: Ergebnisse bei Säuglingen mit ALL; Vergleich myeloischer und lymphatischer Konsolidierung
33183436 2021 Review Journal of Nanoscience and Nanotechnology Nanomedizin-Formulierungen von 6-Mercaptopurin zur Leukämietherapie
34442422 2021 Review Journal of Personalized Medicine Bedeutung von NUDT15-Polymorphismen bei Thiopurin-Therapien
12057059 2000 Review Current Treatment Options in Oncology Behandlung der akuten Promyelozytenleukämie
2676034 1989 Review Blood Reviews Purinstoffwechsel als Angriffspunkt der Leukämiechemotherapie; 6-Mercaptopurin als Purinanalogon
22715121 2012 Kohorte (Phase 2) Blood ATRA, Idarubicin und intravenöses Arsentrioxid als Initialtherapie bei APL

Informationen zum deutschen Markt

Zulassungsnummer Produktname Darreichungsform Zugelassene Indikation
EMEA/H/C/002022 Xaluprine (früher Mercaptopurine Nova Laboratories) – Lymphatische Leukämie (Status: erloschen/gelöscht)

Zytotoxizität

Punkt Inhalt
Zytotoxizitätsklassifikation Klassisches Zytostatikum (Purin-Antimetabolit)
Myelosuppressionsrisiko Hoch (Myelosuppression ist die zentrale Toxizität; die Dosis wird gezielt bis zu einem Zielgrad der Myelosuppression angepasst)
Emetogenität Gering
Überwachungsparameter Großes Blutbild mit Differenzialblutbild, Leber- und Nierenfunktion; TPMT-/NUDT15-Genotypisierung und Metabolitenmonitoring (6-TGN, 6-MMP)
Handhabungsschutz Handhabung gemäß den Vorschriften für zytotoxische Arzneimittel erforderlich

Sicherheitsaspekte

  • Kontraindikationen/Risikokonstellationen aus dem Wissensgraphen (keine Angaben aus dem Beipackzettel): Nierenerkrankung, Pankreatitis, Lebererkrankung, Gallenblasenerkrankung, Thrombozytopenie, Neutropenie, Agranulozytose, Anämie (inkl. makrozytäre Anämie), Leukopenie, Hyperbilirubinämie (inkl. hereditärer Formen und Gilbert-Syndrom), Cholestase (inkl. benigner rezidivierender und familiärer intrahepatischer Cholestase), Pyoureter und hepatosplenisches T-Zell-Lymphom.
  • Arzneimittelwechselwirkungen: Es sind 296 Wechselwirkungen erfasst. Mittelschwer eingestuft sind u. a. Mesalazin, Balsalazid, Olsalazin, Sulfasalazin und Naltrexon; gering eingestuft ist Levofloxacin. Für weitere Wirkstoffe (u. a. Prednison, Hydrocortison, Metformin, Omeprazol, Pantoprazol, Lansoprazol, Morphin, Vancomycin) ist der Schweregrad unbekannt. Die Literatur nennt zusätzlich Allopurinol bzw. Xanthinoxidase-Hemmer sowie weitere myelosuppressive Substanzen als besonders relevant.

Zu Warnhinweisen und Gegenanzeigen aus der Fachinformation liegen keine Daten vor; bitte die Fachinformation heranziehen.


Weitere Vorhersagen im Überblick

Rang Vorhergesagte Indikation Evidenzstufe Empfehlung Anmerkung
9 Lymphoblastisches Lymphom/Leukämie (Vorläuferzell-Typ) L1 Proceed with Guardrails Etablierte Anwendung (Rückgrat der Erhaltungstherapie), keine echte Neuausrichtung
10 Akute lymphoblastische Leukämie L1 Proceed with Guardrails Etablierte Anwendung; Phase-3-Studien und umfangreiche Pharmakogenomik-Literatur (TPMT/NUDT15)
7 Kleinzelliges Lungenkarzinom L3 Hold Alte Phase-2-Studie (1985, PMID 2988775) und präklinische Hinweise; hohe Hürde durch heutige Standardtherapie
5 Hodgkin-Lymphom L4 Hold Studien betreffen Non-Hodgkin-/lymphoblastische Lymphome; Zusammenhang indirekt
6 Primäres pulmonales Lymphom L4 Hold Nur zufällige Literatur
2, 3, 4, 8 CLL/SLL (zwei Subtypen), pulmonales Blastom, fetales Adenokarzinom der Lunge L5 Hold Ausschließlich Modellvorhersage, keine Studien oder Publikationen

Fazit und nächste Schritte

Entscheidung: Hold

Begründung: Für myeloische Leukämie ist der mechanistische Zusammenhang plausibel, die klinischen Daten stammen jedoch fast ausschließlich aus Mehrstoff-Protokollen (v. a. APL), in denen Mercaptopurin nicht die getestete Variable ist. Die mercaptopurin-spezifischen AML-Daten bestehen nur aus kleinen Kohorten- und Pilotstudien sowie einer Phase-1-Studie mit 10 Patienten. Zudem gibt es in Deutschland keine gültige Zulassung, und die Sicherheitsdaten aus der Fachinformation fehlen.

Für ein Weiterkommen sind erforderlich:

  • Fachinformation (Warnhinweise, Gegenanzeigen) vom BfArM bzw. der EMA einholen; diese Lücke blockiert aktuell die Sicherheitsbewertung.
  • Detaillierte Angaben zum Wirkmechanismus (z. B. aus DrugBank) ergänzen.
  • Mercaptopurin-spezifische Daten bei AML (Ergebnisse von NCT05506332 und NCT06199557, Erhaltungstherapie bei AML) auswerten.
  • Klärung des Zulassungs- und Versorgungsstatus in Deutschland, da nur eine erloschene Zulassung vorliegt.
  • Bei einer Weiterverfolgung: TPMT-/NUDT15-Genotypisierung, Metabolitenmonitoring und ein Management der Wechselwirkungen (v. a. Allopurinol) einplanen.

    Haftungsausschluss

Diese Inhalte dienen ausschließlich Forschungszwecken und stellen keine medizinische Beratung dar. Vor jeder klinischen Anwendung ist eine klinische Validierung erforderlich.



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